„Meine Seele verkümmert, wenn ich nicht mehr kommuniziere“

Hört keiner keinem mehr zu? Haben wir noch Zeit?

Im Gesprächsforum „Unerhört!- Diese Alten“ rief Diakonie-Präsident Lilie zu Entschleunigung und mehr Austausch in unserer Gesellschaft auf. Eine Lösung für eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, alte Menschen mehr Teilhabe zu ermöglichen, sieht er in der Zugewandtheit und Offenheit gegenüber seinen Nachbarn, unseren älteren Mitmenschen. „Schwache“ fänden heutzutage weniger Gehör, so auch die „Alten“. Das Gesprächsforum „Unerhört. Diese Alten“ fand unter Moderation von Christian Könemann, Pressesprecher Diakonie Baden, im ThomasCarree statt. Anlass war der „Tag der Pflege“, der jährlich am 12. Mai gefeiert wird und den Blick nach „innen“ richten soll.
Dabei sprachen neben Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, Dekan Ralph Hartmann, Oberkirchenrat Urs Keller, Stadträtin Dr. Claudia Schöning-Kalender, gemeinsam über das „Alt-Sein“ und Möglichkeiten für die künftige Pflege in unserer Stadt. Die Hauptperson nahmen die Gesprächspartner dabei in ihre „goldene Mitte“ – den 88-jährigen Richard Schüpferling, Kunde der Diakonie-Sozialstation Mannheim. Das Gespräch und die Familie, sagte er, seien für ihn als Senioren besser als so manche Medizin.

Von der Kunst des Zuhörens – „Öffnet die Häuser und geht aufeinander zu“

Es klingt naheliegender, als es scheint, doch haben es die meisten von uns verlernt.  Das Gesprächsforum, bei dem jung und alt nebeneinander sitzen, zeigt aber exemplarisch, wo wir hin müssen. „Wir brauchen Orte der Entschleunigung, Orte, die Austausch geben, Zeiten sollte es geben, wo Menschen mal nicht funktionieren müssen – hier fänden wir eine Lösung!“, sagt Ulrich Lilie im vollbesetzen Bistro des ThomasCarree.

Auch Dekan Hartmann bestätigt „In allen Bereichen des Lebens erleben wir eine Ökonomisierung. Das trifft vor allen Dingen diejenigen, die nicht in vollem Umfang für sich selbst sorgen können. So z.B. alte und pflegebedürftige Menschen. Wir sind mit unseren diakonischen Diensten von dieser Entwicklung betroffen und müssen im Rahmen der gegebenen Regeln auf Wirtschaftlichkeit achten.“ Dennoch seien für Kirche Werte wie Nächstenliebe und Menschlichkeit unaufhebbar und konstituieren ihre Bestimmung und den Auftrag, so Hartmann. „Das macht einen Unterschied im Vergleich zu rein privatem Dienstleistern. Deswegen bleiben wir in der Pflege präsent.“

Quo vadis Pflege

Jessika Tirandazi betont im anschließenden Pressegespräch, elementarer hinschauen zu müssen und danach Pflegesysteme neu auszurichten, sei ein richtiger Weg um der „Ökonomisierung“ Einhalt zu gebieten. „Trotz Änderungen in der Pflegeversicherung ist unsere Arbeit noch sehr durchgetaktet und „verrichtungsorientiert“. Kundenwünsche und – Bedarfe werden in Module „übersetzt“ und für ausführliche Gespräche fehlt oft die Zeit. Ambulante Pflege sollte einfacher gedacht werden, weg von modulbasierten Leistungen hin zu: ,Wie können wir helfen?‘“.

Versorgungsstruktur im Sozialraum verbessern. Kirche ist Kitt unserer Gesellschaft

Dabei steht Mannheims vor einem großem Auftrag, im Rahmen des demographischen Wandel und der einhergehenden Zunahme von älteren Menschen zu reagieren, so liest man auch im jüngst erschienenen Mannheimer Sozialatlas. Gemeinsam ist den meisten älteren Menschen der Wunsch, möglichst lange zu Hause wohnen zu bleiben. In diesem Zusammenhang gewinnt die Gestaltung von seniorengerechten Quartieren mit Beratungsangeboten und Teilhabemöglichkeiten im unmittelbaren Umfeld, Einkaufsmöglichkeiten im Quartier sowie wohnortnahen Unterstützungsangeboten im Falle von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit an Bedeutung.

So scheint das ThomasCarree mit gutem Vorbild voranzugehen „Es muss Leben stattfinden für unsere Mitmenschen, dabei spielt die Verbundstruktur eine wesentliche Rolle, so auch die Zusammenarbeit mit den Sozialstationen, Vereinen und hiesigen Institutionen“, berichtet Peter Grewe, Geschäftsführer des ThomasCarree. Im hauseigenen Bistro äßen nicht nur Hausbewohner zu Mittag, sondern auch Menschen, die im Stadtteil unterwegs sind, im Quartier arbeiten. „Jung und alt quasi an einem Tisch“, stellt er fest. Ähnlich sieht es auch Dr. Claudia Schöning-Kalender: „Das Ambiente ist hier ideal, Altersgrenzen scheinen gar überwunden zu sein – eine Öffnung in alle Richtungen.“ Auch bemerkt Schöning-Kalender in dem Zusammenhang, was aber in unserer Gesellschaft verloren geht, wenn nicht rechtszeitig bedarfsorientiert Angebote geschaffen werden. „Reiche Biographien gehen verloren und damit ein reicher Erfahrungsschatz. Deshalb sind gute Begegnungs-möglichkeiten, wie das ThomasCarree wichtig und für den Stadtteil und für die Kommune von großer Bedeutung.“

Urs Keller dazu: „Pflege wird deutlich mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht. Das zeigt sich an den verschiedenen Reformen, die der Gesetzgeber auf den Weg gebracht hat. Da wurde viel erreicht.“ Welchen Wert die Versorgung älterer Menschen hat zeige sich aber auch nicht zuletzt daran, in welchem Grad Pflege refinanziert wird, so Keller. „Wichtig für gute Pflege vor Ort ist das Zusammenwirken von Kommune und Trägern sozialer Dienste.“ Das habe auch die Landesregierung verstanden und fördere entsprechend.

Kirchengemeinden und deren Arbeit neben den Gottesdiensten und Seelsorge spielen dabei kein unwesentlicher Faktor. Sie leisten Vermittlung und bieten Begegnungsorte. Deshalb ist, wie Dekan Hartmann sagt, Pflege immer auf mehreren Säule gut aufgestellt. „Kirche spielt hierbei eine nicht unerhebliche Rolle - sie ist der Kitt unserer Gesellschaft.“(JeLa)

Unerhört
Foto DW/Christian Leibig (v.l.n.r.): Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, Richard Schüpflering, Dekan Ralph Hartmann und Dr. Claudia Schöning-Kalender.

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