„Kirche folgt ihrem prophetischen Auftrag“

Am 3. Februar beendet die Evangelische Kirche Mannheim nach vier Wochen die 22. Mannheimer Vesperkirche mit einem feierlichen Gottesdienst unter der Leitung von Dekan Hartmann. 16.000 Menschen nutzten das Angebot bestehend aus warmen Mittagessen und sozialer Beratung gerade im Bereich der Wohnungslosenhilfe. In einer Podiumsdiskussion griff die Vesperkirche nicht ohne Grund das drängende Thema „Wohnen“ unter dem Titel „recht.schaffen – Wohnraum für alle?!“ erfolgreich auf. Mit der Vesperkirche gehe die Kirche ihrem prophetischen Auftrag nach, indem sie den Schwachen beiseite stehe und Gerechtigkeitslücken in unserem Sozialsystem benenne und sichtbar mache, sagt Dekan Ralph Hartmann bei der heutigen Pressekonferenz.
 
Vertrauen erzeugen, den Mensch sehen

Oft sind es multiple Schwierigkeiten, die sich langfristig aber zu einem großen Problem verfestigen und den Mensch im Alltag scheitern ließen, erzählt Pfarrerin Ilka Sobottke, die täglich in der Vesperkirche unterwegs ist und mit den Gästen ins Gespräch kommt. Sanktionen oder Ignoranz ihrer eigenen Mitmenschen ließen die Menschen dann immer wieder stolpern. „Dabei haben sie doch ein Recht darauf geliebt zu werden, weil sie alle Menschen sind“, sagt sie. „Deshalb ist es umso wichtiger, wieder Vertrauen aufzubauen. Denn das ist das was Vesperkirche theologisch ausmacht.“ Mit der Predigtreihe „recht.schaffen“ wollte man deshalb auch das Thema Gerechtigkeit auf den Punkt bringen um grundsätzlich Grundrechte benennen zu können, die sich Kirche für jeden Menschen wünscht, so Sobottke weiter.

Umso wichtiger ist das Netzwerk an Unterstützern und Spendern. Dekan Ralph Hartmann bedankt sich bei den vielen Einrichtungen und stellt das zivilgesellschaftliche Engagement heraus, was den Zuspruch für die Sache immer wieder deutlich mache. „Hier treffen sich Menschen, kommen aus verschiedensten sozialen Schichten zusammen, was ich großartig finde. Das ist eine Auszeichnung für unserer Stadtgesellschaft, das in der Vesperkirche so viele gesellschaftliche Kräfte zusammenwirken.“ So spielten auch beide Benefizkonzerte unter dem Titel „Musik für alle“ und „Friends für Vesperkirche“ erneut beträchtliche Geldsummen in die Kasse, was zeige, wie wichtig die Unterstützung auch des Künstlerbetriebs in Mannheim ist. Mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester arbeitete die Vesperkirche bereits im zehnten Jahr zusammen.

Erfolgsfaktor soziale Beratung

Auch in diesem Jahr wurde die soziale Beratung, bestehend aus den Sozialarbeitern der Diakonie (Mannheimer Arbeitslosenzentrum), dem Caritasverband (Suchtberatung und Streetwork), dem Bezirksverein für Soziale Rechtspflege Mannheim und der Wohnungsnotfallberatung Haus Bethanien e.V. und dem Drogenverein, in Anspruch genommen. Das bestätigt auch Martin Metzger, Leiter der Abteilung Arbeit und Migration vom Diakonischen Werk, der vom Erfolgsfaktor Beratung spricht. „Die Menschen haben wieder Vertrauen, kommen nach dem Mittagessen unmittelbar mit den Beratern ins Gespräch, sie finden einfach heraus aus ihrem Schneckenhaus und trauen sich Beratung anzunehmen.“ Oft seien sie nicht in der Lage, die notwendige Anlaufstelle zu finden. In der Vesperkirche wachse aber niederschwellig ein Vertrauensverhältnis, welches die Menschen letzten Endes zu einer Lösung führen könne.
Nachfrage besonders auffällig in Sachen Wohnen
Umso wichtiger sind konkrete Beratungsangebote, die gezielt auf die Bedürfnisse der Hilfesuchenden eingehen oder verweisen können um auf die Klientel, die hier in verdichteter Form vorzufinden sei, reagieren zu können. So berichtet Marie-Louise Uhrig aber, zwar jedes Jahr kleine Erfolge durch die Arbeit vor und während der Vesperkirche erzielen zu können, zudem einige stabile Wohnbiographien durch diese Unterstützung geschaffen zu haben, aber jedes Jahr Hilfesuchenden begegnen zu müssen, denen das Hilfeaufsuchen weder aus eigener Kraft noch mit Unterstützung gelänge. „Die Gründe hierfür sind vielfältig und durchaus auch bei den Betroffenen zu sehen. Dennoch bleibt festzustellen, dass es einen erheblichen Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Mannheim gibt und die Zugangsschwellen für Menschen, die einmal ihren Wohnraum verloren haben sehr hoch sind“, betont sie. Aus ihrer Sicht erscheine es deshalb politisch notwendig, die Präventionskonzepte zum Thema Wohnraumverlust neu zu überdenken oder auch neue zu initiieren. Der Zugang zu gesichertem Wohnraum für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten müsse barrierefreier gestaltet werden.
 
Abschlussgottesdienst mit Dekan Ralph Hartmann

Paniertes Schnitzel, Kohlrabi-Gemüse und Salzkartoffel werden sich die Gäste auch am Sonntag abschließend über 500 Gäste schmecken lassen. Mit einem feierlichen Gottesdienst unter der Leitung von Dekan Hartmann mit dem Titel „Ab-geschafft…?“ endet die Vesperkirche.
Mit dem Ende der Mannheimer Vesperkirche endet aber nicht die Verantwortung – ihre kleine Schwester, der Diakoniepunkt Konkordien (R3) hält täglich ein warmes Mittagessen und die persönliche Beratung und Weitergabe an die Sozialberatung parat.
 
 Gastraum
Foto: Alexander Kästel

[ zurück ]