Zuhause sein, Mensch sein

Mannheim ist eigentlich auf einem guten Weg: Wohnen ist im Vergleich zu anderen Städte moderat was den Mietpreis betrifft. Sozialer Wohnungsbau wird gefördert. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Nachfrage an Wohnungen, gerade im Bereich der kleineren Haushalte muss aber das Angebot steigen. Mit Blick auf alle Bedarfe, vor allem für Menschen in prekären Lebenslagen, müssten bis 2020 jährlich 3.650 Wohnungen gebaut werden, außerdem 405 Sozialwohnungen, wie Martin Maier aus einer Studie zitiert. Am Ende der Gesprächsrunde gibt es deshalb ein eindeutiges Votum: alle können an einem Strang ziehen. Man spürt Offenheit für Handlungsansätze. Ein neuer Prozess auf Grundlage aller Interessen kann in Gang gesetzt werden. Denn: Nichts ist wichtiger als das Wohnen.
 
Verlust der Wohnung – für viele der Anfang vom Ende?
 
Oft sind es Mietschulden, Schufa-Einträge, Wohnungsräumungsklage – ein Bündel aus Schwierigkeiten, wie Marie-Louise Uhrig vom Haus Bethanien e.V., der Wohnungsnotfallberatung, berichtet. „Aus meiner Sicht ist in Mannheim ein Konzept notwendig, welches auch Menschen zu bezahlbarem Wohnraum verhilft, die regulär keinen Zugang zum Wohnungsmarkt haben, beispielsweise aufgrund von Schufaeinträgen, zuvor erfolgten Räumungen“, so Uhrig im Gespräch in der Citykirche Konkordien. Falle man dann aus dem Netzwerk der sozialen Wohnungsbaugesellschaft, werde es zunächst schwierig wieder Fuß zu fassen. „Oft sind es multiple Erschwernisse - eine Krankheit, ein Jobverlust oder Trennung - Dinge, die andere Menschen vielleicht gut tolerieren können, für unsere Klientel nicht einfach zu verkraften sind“, so berichtet Pfarrerin Anne Ressel. Dieser Problematik begegnet sie in der Vesperkirche täglich. Menschen, die festgefahren sind, keinen Mut mehr haben, sozial abgehängt sind. „Und dann verliert man noch die Wohnung, das existenziellste, was einem Stabilität gibt. Für den Betroffenen hat das verheerende Folgen.“
 
Chancen nutzen, Mitarbeit erwünscht

Karl-Heinz Frings, Geschäftsführer der Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft (GBG), kennt die Problematik die die Pfarrerin Anne Ressel beschreibt zu gut. Nicht ohne Grund arbeitet das Vermietungsverfahren transparent, welches immer erst einmal alle Kriterien bei einer Wohnungsanfrage prüft. So arbeiten auch in der GBG sechs Sozialarbeiter, wie er betont, die den Prozess begleiten und auf die genannten „multiplen Schwierigkeiten“ eingehen. „Unsere Sozialarbeiter begleiten unsere Kunden durchaus über mehrere Jahre. Nur manchmal muss man sich eben auch an die Regeln halten“, so Frings. Andreas Ebert ergänzt, auch Hilfesuchende müssten diverse Angebote annehmen. „Eine Gegenleistung und grundsätzliche Mitarbeit muss vorhanden sein.“ Eingangs gab der Sozialplaner mit in die Runde, dass der Wohnungsmarkt in Mannheim verglichen mit anderen Großstädten relativ ausgeglichen und auf einem moderaten Preisniveau sei. „Ein Grundbestand an preisgünstigem Wohnraum in allen Stadtteilen sei eine wesentliche Voraussetzung für eine sozial ausgewogene Stadtgesellschaft.“
 
„Zuerst die Wohnung, dann eine soziale Begleitung – wir müssen neu anfangen“
 
Ermutigende Gespräche mit den Betroffenen, mehr soziale Begleitung – Martin Meier betont, dass ein Paradigmenwechsel gerade in der Wohnungslosenhilfe angebracht ist und bereits Erfolge feiert. Eigentlich werde Hilfe für Wohnungslose nämlich anders herum aufgezogen - auch in Deutschland. So sollen Betroffene erst betreut ihre Probleme lösen, bevor sie als "wohnfähig" in eigenen Wohnungen leben dürften, sagt Meier. Das jedoch könne Jahre dauern und wirke auch als Disziplinierungsmittel: Durch Druck und Fremdbestimmung würden Menschen aber nicht selbstständig. Auch die Idee des „gemischten“ Wohnens, ist ein neuer Ansatz, worin sich die Vorstellungen aller Podiumsteilnehmer wiederspiegeln. Die Idee der sozialen Durchmischung ist so bespielweise schon lange in der Diskussion und findet auf den ehemaligen Konversionsflächen bereits Umsetzung. Schroffe Gegensätze von Luxuswohnungen und Problembezirken können so vermieden werden, schaffe Toleranz und gegenseitige Nachbarschaftshilfe im klassischen Sinne. So betont Martin Meier als Neuberliner auch die Idee des „Milieuschutz“ als hervorragenden neuen Ansatz.  Um der sozialen Verdrängung entgegenzuwirken hat die Stadt Berlin Milieuschutzverordnungen auf den Weg gebracht. So müssen Modernisierungen von Wohngebäuden und Wohnungen, die den zeitgemäßen Ausstattungszustand einer durchschnittlichen Wohnung übersteigen oder auch Grundrissänderungen genehmigt werden.
 
Schlussworte bilden die Worte des deutschen Dichters Jean Pauls, die die Journalistin und Moderatorin Waltraud Kirsch-Mayer mitgebracht hat: „Zu Hause sein. Wie sich der ganze Wirrwarr der Gefühle verlieret und ordnet, wenn man aus dem fremden heimkehrt in seine eigenen vier Wände! Nur zu Hause ist der Mensch ganz.“

Marie-Louise Uhrig, Martin Maier, Anne Resse, Waltraud Kirsch-Mayer, Andreas Ebert und Karl-Heinz Frings.

Foto DW/Lammer: Podium in der Citykirche Konkordien (v.l.n.r.): Marie-Louise Uhrig, Martin Maier, Anne Resse, Waltraud Kirsch-Mayer, Andreas Ebert und Karl-Heinz Frings.
 
Viel Applaus und Zugabe: Musikalisch begleitet wurde der Abend durch die „heavy bones“ unter der Leitung von Bernhard Vanecek, die das Publikum mit viel Applaus beantwortet.

Unter dem Titel „recht.schaffen. Wohnraum für alle?!“ fand am 20. Januar um 18 Uhr ein sozialpolitisches Gespräch in der CitykircheKonkordien statt. Hierzu lud das Team der Mannheimer Vesperkirche Experten aus der Region ein: Martin Maier, ehemals Wohnungsnotfallhilfe Diakonisches Werk Württemberg, referierte als Impulsgeber zum Thema „Wohnungsnot in Baden-Württemberg und Mannheim“. Im Anschluss diskutierten Karl-Heinz Frings (Geschäftsführer GBG), Andreas Ebert (Sozialplaner Fachbereich Arbeit und Soziales, Stadt Mannheim), Marie-Louise Uhrig (Wohnungsnotfallhilfe Haus Bethanien e.V.) und Pfarrerin Anne Ressel.

Veranstaltungsträger ist die 22. Mannheimer Vesperkirche, die am 6. Januar startete und am 3. Februar 2019 startete. Sie wird getragen von der Evangelische Kirche Mannheim und seinem Diakonischen Werk. Neben einem warmen Mittagessen, bietet sie Hilfebedürftige ein ausdifferenziertes Sozialberatungsangebot. Geöffnet ist sie täglich von 11 bis 15 Uhr. Mittagessen bis 14 Uhr. Die Aktion kostet pro Jahr rund 150.000 Euro. Unterstützung für die ausschließlich durch Spenden finanzierte Aktion ist daher willkommen. Spendenkonto: Evangelische Kirche Mannheim, Sparkasse Rhein Neckar Nord, IBAN: DE44670505050039003007, BIC: MANSDE66XXX, Stichwort: Vesperkirche. Infos: www.vesperkirche-mannheim.de (JeLa)

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